Interview mit Thomas Widmann im Staatsanzeiger

Interview: Digitalisierung, Staatsanzeiger · Freitag, 26. Februar 2016 · Nr. 7

„Im Bereich der Sicherheit könnte Big Data in den nächsten Jahren viel mehr zum Einsatz kommen“

IT-Berater Thomas Widmann sieht Datenschutz als Bremse für viele Anwendungsmöglichkeiten

Thomas Widmann
Geschäftsführer der WidasConcepts

Die Datenflut wächst. Das führt zu erhöhter Komplexität in Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung – aber nicht nur. Es eröffnet auch neue Chancen, meint Thomas Widmann, Geschäftsführer der Widas Concepts. Die Big-DataSpezialisten entwickeln IT-Lösungen, mit denen sich riesige Datenmengen analysieren lassen, um nutzbare Erkenntnisse abzuleiten.

Staatsanzeiger: Herr Widmann, wo liegen die möglichen Anwendungen für Big-Data-Techniken in der öffentlichen Verwaltung?
Thomas Widmann: Da gäbe es viele Möglichkeiten etwa wenn man das Grundbuch betrachtet. Bislang kann man darin Daten erfassen und die gesammelten Informationen wieder aufrufen. Der Kern von Big Data ist dagegen, Informationen zu beobachten, einzuordnen und dann zu entscheiden, welche Erkenntnisse man daraus gewinnen will. An einem bestimmten Punkt könnte auch ein Alarm ausgelöst werden. Oder man versucht, Anomalien und Besonderheiten herauszulesen.

Ist die öffentliche Verwaltung bei diesen Prozessen hinterher?
In Deutschland gehören wir auf diesem Gebiet nicht zu den Spitzenreitern sowohl in der Privatwirtschaft als auch in der öffentlichen Verwaltung. Beim Staat gibt es erste Ansätze für die Nutzung von Big-Data-Techniken besonders im Bereich der Kriminaltechnologie, wo man Spuren von Diebesbanden erfasst. Mithilfe von Big-Data könnte man jedoch viel mehr Profilierung betreiben, um bessere Erkenntnisse für die Fahndung zu bekommen.

Wo sehen Sie Einsatzfelder für diese Technologie?
Die liegen besonders im Bereich der Sicherheit. Aber grundsätzlich gilt: Big Data-Techniken sind überall da sinnvoll, wo die Digitalisierung der Prozesse und das Sammeln von Daten möglich ist, um daraus Vorhersagen ableiten zu können, wie sich etwas entwickelt. Dadurch lassen sich Kosten sparen und Prozesse beschleunigen.

Weniger Staus, Warnungen bei Unwetter oder Unfällen – können BigData-Ansätze helfen, Probleme im Verkehrsbereich zu lösen?
Wir brauchen hier zuerst eine Demokratisierung der Daten. Die öffentliche Hand muss Infrastrukturdaten kontinuierlich bereitstellen, und zwar so, dass alle Marktteilnehmer diese Daten für entsprechende Geschäftsfelder nutzen können. Bislang sind solche Daten schwer zugänglich. Wir haben etwa Staumeldungen bloß alle 30 Minuten in den Verkehrsnachrichten – das könnte viel besser ausgewertet und schneller Informationen bereitgestellt werden.

Warum kommt Big Data bei all den Vorteilen hierzulande nicht voran?
Wir sind in Deutschland sehr bedenkenorientiert. Welche Daten darf ich rausgeben? Sind das personifizierbare Daten? Wir sind beim Datenschutz sehr vorsichtig – und erst an zweiter Stelle wird wahrgenommen, welche Möglichkeiten und welchen Nutzen BigData-Systeme bieten.

Datenschützer sehen das naturgemäß anders. Sind Bedenken unbegründet?
Datenschutz ist wichtig, weil Menschen wissen möchten, was mit ihren Daten passiert und möchten gegebenenfalls deren Nutzung verhindern. Allerdings führt die derzeitige Anwendung der Datenschutzgesetze leider dazu, dass eine Digitalisierung schlicht nicht möglich ist. Produkte und Lösungen unserer IT-Branche werden auf dieser Grundlage gegenüber Wettbewerbern im Ausland auf Sicht weit unterlegen sein. Ein offene Kommunikation der Produktanbieter, zu welchem Zweck Informationen verwendet werden und auch das Recht zur Löschung von persönlichen Daten sollten verpflichtend sein.
Interview: Digitalisierung, Staatsanzeiger
Das Gespräch führte Wolfgang Leja