Digital Sovereignty – we love the term, but what do we actually mean?

Digitale Souveränität – wir lieben das Wort, aber was meinen wir eigentlich?

Digitale Souveränität – wir lieben das Wort, aber was meinen wir eigentlich?

Digitale Souveränität – wir lieben das Wort, aber was meinen wir eigentlich?

09.01.26

Es gibt Begriffe, die so oft und so gerne verwendet werden, dass sie irgendwann fast magische Wirkung entfalten. „Innovation“ ist einer davon. „Künstliche Intelligenz“ inzwischen auch. Und seit einiger Zeit gehört ein weiterer Begriff fest in diese Reihe: Digitale Souveränität.

„Manchmal habe ich das Gefühl, wir benutzen das Wort ‚Souveränität‘ genauso gern wie ‚Innovation‘. Es klingt gut, aber kaum jemand fragt: Was bedeutet das eigentlich?“

Kaum eine politische Rede kommt heute ohne „Souveränität“ aus. Förderprogramme schmücken sich damit. Strategiepapiere schreiben es auf Seite eins. Und selbst Ausschreibungen der öffentlichen Hand verlangen mittlerweile konsequent „souveräne Technologien“ oft ohne zu definieren, was das konkret heißt.
Doch genau das ist unser Problem: Wir nutzen den Begriff, ohne über seinen Inhalt zu sprechen.

Dieser Beitrag geht der Frage nach, was digitale Souveränität jenseits politischer Schlagworte tatsächlich bedeutet und klärt, was wir meinen sollten, wenn wir davon sprechen.

Souveränität heißt nicht Unabhängigkeit sondern Entscheidungsfreiheit

Viele setzen digitale Souveränität immer noch gleich mit Unabhängigkeit von Nicht-EU-Anbietern.

Oder mit Open Source.
Oder mit lokalem Hosting.
Oder mit nationalen Clouds.

Alle diese Dinge können zu mehr Souveränität beitragen aber sie sind nicht Souveränität selbst.
Denn jede technologische Entscheidung erzeugt Abhängigkeiten.
Wer eine Software einführt, hängt an deren Release-Zyklen.
Wer Cloud nutzt, hängt an den Services, APIs und Preismodellen des Providers.
Wer Open Source nutzt, hängt an den Maintainer-Teams.
Wer On-Prem betreibt, hängt an eigenem Know-how und Personal.

Die Frage ist also nicht: Wie verhindern wir Abhängigkeiten vollständig? Denn völlige Unabhängigkeit wäre weder realistisch noch sinnvoll. Sondern: Welche Abhängigkeiten gehen wir bewusst ein und kennen wir ihre Konsequenzen?

Digitale Souveränität heißt nicht, dass wir in Europa alles selbst machen müssen. Es geht nicht darum, jedes Tool, jede Zeile Code, jede Cloud selbst zu entwickeln. Es bedeutet, die Freiheit der Wahl zu haben. Diese Freiheit setzt voraus, dass wir echte Optionen haben und damit Alternativen, die mindestens genauso gut oder besser sind.

Oder anders: Digitale Souveränität ist die Fähigkeit, informierte, bewusste technologische Entscheidungen treffen zu können, nicht die Illusion, frei von Abhängigkeiten zu sein.
Damit verschiebt sich der Fokus weg von Abschottung hin zu bewusster Kontrolle und aktivem Gestalten.

Data Residency, Data Sovereignty, Compliance: Drei Begriffe, die wir nicht mehr verwechseln sollten

In vielen Diskussionen verschwimmen diese Begriffe. Zeit, Ordnung reinzubringen:

1. Data Residency

Wo liegen meine Daten physisch? In Deutschland, in der EU, weltweit? Das ist wichtig, bedeutet aber allein noch keine Souveränität.

2. Data Sovereignty

Wer darf auf Daten zugreifen? Welche Gesetze gelten? Welche Zugriffspflichten bestehen (z. B. CLOUD Act)? Das ist kritisch, denn selbst wenn Daten in Deutschland liegen, kann ein nicht-europäischer Anbieter rechtlich verpflichtet sein, Zugriff bereitzustellen.

3. Compliance

Erfülle ich regulatorische Vorgaben (DSGVO, ISO, NIS2, DORA, AI Act …)? Aber: Compliance oder Data Residency sind kein Garant für Souveränität – sie sind lediglich Mindestanforderungen. Viele Organisationen brüsten sich mit „DSGVO-Konformität“ und „ISO-Zertifizierung“, während sie gleichzeitig keinerlei Kontrolle über ihre technologischen Abhängigkeiten haben.

Compliance ist der Sicherheitsgurt.
Data Residency ist die Wahl der Straße.
Data Sovereignty ist das Verkehrsrecht.
Digitale Souveränität dagegen ist Fahrkompetenz: Die Fähigkeit, bewusst Entscheidungen zu treffen und das Fahrzeug selbst zu führen.

Souveränität entsteht nicht durch Schlagworte sondern durch Bewusstsein

Digitale Souveränität ist kein Etikett, das man einer Technologie anheftet. Sie entsteht dort, wo Unternehmen und Organisationen in der Lage sind, informierte Entscheidungen zu treffen und wo Anbieter die Voraussetzungen dafür schaffen. Souveränität ist deshalb ein Zusammenspiel aus zwei Seiten: Anbieter, die Transparenz, Offenheit und Vertrauen ermöglichen, und Nutzer, die diese Möglichkeiten bewusst wahrnehmen.
Was heißt das für Unternehmen, Verwaltungen, Entscheider?:

1. Technologieentscheidungen müssen bewusst getroffen werden.
2. Open Source ist ein Produkt und nicht automatisch Souverän
3. Ob Cloud oder On-Prem hat nichts mit Souveränität zu tun.
4. Souveränität ist ein strategischer Faktor für jedes Unternehmen

Das bedeutet:
Souveränität entsteht nicht durch einen Stempel, ein Label oder einen Hosting-Standort. Sie entsteht durch Fähigkeit, Wissen, Transparenz und Entscheidungsfreiheit.

Ein europäischer Weg der digitalen Souveränität: Pragmatismus statt Dogmatismus

Europa braucht keine ideologischen Debatten zwischen:

„Alles Open Source!“ vs. „Alles Cloud!“
„National Cloud!“ vs. „Hyperscaler für alles!“
„Eigenentwicklung!“ vs. „Komplett auslagern!“

Alle diese Positionen greifen zu kurz. Die Frage ist nicht, ob wir US-Technologien vollständig vermeiden können. Die Frage ist auch nicht, ob wir alles europäisch entwickeln müssen. Wir werden weiterhin US-Technologie einsetzen und das ist auch gut so!
Viele dieser Lösungen sind exzellent, ausgereift und für bestimmte Einsatzbereiche schlicht die beste Wahl.

Aber genauso wichtig ist etwas anderes:

Wir müssen leistungsfähige Lösungen in Europa entwickeln und wir müssen sie auch einsetzen. Nur so stärken wir unsere technologische Wettbewerbsfähigkeit, schaffen echte Wahlmöglichkeiten und erhöhen den Druck auf globale Anbieter, sich an europäischen Anforderungen zu orientieren.

Wenn der europäische Markt zunehmend europäische Technologien nutzt, entsteht ein ganz neuer Mechanismus: US-Anbieter geraten unter Druck, weil sie Marktanteile verlieren und damit steigt auch der Druck auf die US-Politik, bessere Rahmenbedingungen zu schaffen.

Wettbewerb führt zu Qualität. Wahlmöglichkeiten führen zu besseren Produkten. Und beides zusammen führt zu mehr Souveränität. Europa hat bereits heute beeindruckende Technologien: Von modernen Cloud-Ansätzen bis hin zu skalierbare SaaS-Plattformen wie beispielsweise cidaas oder cnips.
Aber ebenso klar ist: Wir haben strukturelle Schwächen, die uns bremsen.

1. Ein noch unreifes Ökosystem

Wir haben hervorragende Universitäten und durchaus mutige Investoren.
Aber die enge Verzahnung zwischen Forschung, Kapital, Produktkultur und Risikobereitschaft, wie man sie im Silicon Valley findet, ist in Europa noch längst nicht selbstverständlich.

2. Ein großer, aber heterogener Markt

Rein auf dem Papier ist die EU ein Markt, der mit den USA mithalten kann. In der Realität ist er fragmentierter – sprachlich, regulatorisch, kulturell. Das macht es jungen und wachsenden Unternehmen schwerer, europaweit zu skalieren.

3. Bürokratie, die Innovation bremst

Jede Regierung schreibt sich „Bürokratieabbau“ auf die Fahnen, doch in der Praxis entsteht immer mehr Regulierung. Und obwohl viele Regeln EU-weit gelten sollen, unterscheiden sie sich in der Umsetzung oft von Land zu Land (siehe Punkt 2). Für Unternehmen bedeutet das Unsicherheit, Aufwand und weniger Geschwindigkeit.

4. Fehlende Sichtbarkeit

Europa hat starke Lösungen, aber zu wenige wissen davon. Wir müssen deutlich aktiver daran arbeiten, europäische Technologie sichtbarer zu machen – in der Politik, bei Entscheidern, in Ausschreibungen und im öffentlichen Diskurs.

Ohne Sichtbarkeit gibt es keine echten Optionen. Und ohne Optionen keine Souveränität.

Fazit: Digitale Souveränität in Europa

Wir müssen aufhören, Souveränität als Label zu benutzen und anfangen, sie als Fähigkeit zu begreifen

Digitale Souveränität ist kein Zustand, kein Zertifikat und kein politischer Slogan. Es ist eine Kompetenz und eine Haltung. Es geht nicht darum, alles selbst zu entwickeln. Es geht darum, selbst entscheiden zu können.

Unabhängigkeit um jeden Preis führt in Isolation. Abhängigkeit ohne Bewusstsein führt in Abhängigkeit.
Zwischen diesen Polen liegt der Raum echter Souveränität.

Und genau den müssen wir gestalten.